Eintrag Nr. 1120

„Wir überzeugen nur mit Diskriminierung“

„ [...] Wie lenkt man Menschen in eine gewünschte Richtung? Mit dieser Frage beschäftigt sich Verhaltensökonom Gerhard Fehr (50) jeden Tag. Die derzeit drängendste Frage ist in der Schweiz: Wie kann das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen grösseren Teil der Bevölkerung zum Impfen motivieren? Dafür gibt es verschiedene Methoden – und jetzt braucht es wohl einschneidendere –, wie Experte Fehr im Interview klarmacht. [...]

Niemand würde in ein Flugzeug steigen, wenn das Absturzrisiko bei einem halben Prozent läge. Aber alle Nichtgeimpften sind derzeit bereit, an einem Virus zu erkranken, an dem sie mit 0,5-prozentiger Wahrscheinlichkeit sterben werden. Das sollte man aufzeigen. Zudem müsste man die Risiken mehr in den Vordergrund rücken. Eine Covid-Erkrankung ist schlimmer als die schlimmsten Nebenwirkungen der Impfung. Diejenigen, die sich nicht impfen lassen, unterschätzen die Folgen einer Ansteckung. Das müsste man kommunizieren. [...]

Das BAG muss eine strengere Impfempfehlung aussprechen. Diese kann verschieden aussehen. Das Wirkungsvollste wäre, dass man Ungeimpften einen Impftermin zuschickt, so dass sie diesen Termin wahrnehmen oder verstreichen lassen können. Sie müssten sich aber aktiv abmelden, wenn sie nicht hingehen wollen.

Aber dann können sie den Termin auch einfach schwänzen.

Zusätzlich könnte man noch eine Busse verlangen, wenn man sich nicht abmeldet. Schickt man den Leuten Impftermine zu, erhöht dies die Impfquote um bis zu 20 Prozent. Dann wird es aber immer noch gut 35 Prozent geben, die sich partout nicht impfen lassen wollen.

Was macht man denn mit diesen 35 Prozent?

Diese kriegt man nur, wenn wir systematisch Vorteile für Personen schaffen, die geimpft, getestet oder genesen sind, also würden nur mehr diejenigen ins Restaurant oder in ein Konzert gehen dürfen, welche die 3G-Regel erfüllen. Systematische Diskriminierung ist nichts Neues, sie begegnet uns dauernd im Alltag. Beispielsweise können sich die meisten Leute nicht jeden Tag einen Restaurantbesuch leisten und sind dementsprechend wegen ihres Lohns davon ausgeschlossen. [...]

Ist das wirklich notwendig?

Es wäre natürlich viel wünschenswerter, wenn sich mehr Leute freiwillig impfen lassen. Aber die Freiwilligkeit ist langsam ausgeschöpft. Sicher werden sich im Herbst noch mehr Leute impfen lassen, sobald die Sterberate wegen der Delta-Variante höher wird. Denn dann steigt auch das Risikobewusstsein der Leute wieder. Aber das wird nicht ausreichen. Wir brauchen einen hohen Impfschutz, um Corona langfristig zu überstehen. Und systematische Vorteile für Geimpfte sind das letzte Mittel vor einem Impfobligatorium. Am Ende werden wir nicht drumherum kommen, die gesellschaftspolitische Debatte über diese Art der Diskriminierung zu führen, um auf die erforderliche Impfquote von ca. 80 Prozent zu kommen.[...] "